Celle

Insgesamt war das Jubiläumsjahr der Stadt Celle ein spannendes und aufregendes Jahr

Celles Oberbürgermeister Dr. Jörg Nigge erinnert daran, dass im Jubiläumsjahr 2017 zahlreiche Veranstaltungen, wie der „Tag der Vereine“, stattfanden. Archivfoto: Lisa Müller
Celles Oberbürgermeister Dr. Jörg Nigge erinnert daran, dass im Jubiläumsjahr 2017 zahlreiche Veranstaltungen, wie der „Tag der Vereine“, stattfanden. Archivfoto: Lisa Müller

Celles Oberbürgermeister Dr. Jörg Nigge blickt auf 2017 zurück

CELLE (ram). Celles Oberbürgermeister Dr. Jörg Nigge blickt im Gespräch mit dem Celler Kurier auf das zu Ende gehende Jahr 2017 zurück, das für ihn gleichzeitig auch das erste Jahr seiner Amtszeit war.

„Insgesamt war es ein spannendes und aufregendes Jahr“, erklärt Nigge. Es sei für ihn in der Kennlernphase zunächst einmal wichtig gewesen, durch die ganzen Strukturen zu gehen und überhaupt erst mal zu sehen, was man in der Verwaltung alles habe und machen könne. Das brauche bei 1.000 Mitarbeitern seine Zeit. Er habe von Anfang an versucht die Mitarbeiter dort einzubinden, wo es eventuell Strukturen zu verändern gebe, das heißt tatsächlich ganz unten beim Sachbearbeiter zu erfragen, was man ändern könne und was nicht. Dies sei natürlich auch mit den Führungskräften gemacht worden. Nach mehreren Monaten kämen nun so langsam die Ergebnis heraus, weil jeder Mitarbeiter Fragebögen ausfüllen musste. Dies sei alles anonym geschehen, um mal wirklich zu erfahren, wo es hake und wo man Dinge anders machen könne.

Celles Oberbürgermeister Dr. Jörg Nigge. Foto: Müller
Celles Oberbürgermeister Dr. Jörg Nigge.
Foto: Müller
„Es ist nun mal so, dass Rahmenbedingungen in Verwaltungen relativ starr sind und sich das über Jahre auch eingebürgert hat. Wir wollen einfach versuchen, uns den flexiblen Rahmenbedingungen draußen anzupassen“, so Nigge. „Und das setzen wir auch langsam um. Es ist klar, dass das bei solch großen Strukturen etwas länger dauert, aber ich denke wir sind da auf einem guten Weg. Und da geht es gar nicht darum zu sparen, sondern darum uns wirklich so aufzustellen, dass wir den Rahmenbedingungen draußen begegnen können, weil wir uns mittlerweile als absoluten Dienstleister verstehen.“

„Im Jubiläumsjahr der Stadt Celle hatten wir sehr viele Veranstaltungen“, blickt Nigge zurück. „Es war im Grunde ja jedes Wochenende etwas los.“ Als Beispiele nennt er, neben der 725-Jahr-Feier der Residenzstadt Celle, die „Vespa World Days“ und die Landpartie des NDR. „Das hat nochmal den Menschen ins Gedächtnis gerufen, in was für einer tollen Stadt wir leben“, macht er deutlich. „Ich habe oft das Gefühl, uns muss das öfter mal von außen gesagt werden, damit wir überhaupt verstehen, wie toll diese Stadt ist.“ Es sei ihm ganz wichtig das immer wieder zu betonen: „Wir müssen uns selber so präsentieren, wie wir sind. Von daher waren diese Veranstaltungen dazu geeignet, das nach draußen zu tragen. Dadurch haben wir auch nochmal viel Zuspruch bekommen.“

„Ansonsten haben wir uns in diesem Jahr viel mit dem Haushalt beschäftigen müssen“, so Nigge weiter. Mit dem neuen Haushalt sei man seiner Ansicht nach nun auf einem guten Weg. „Ich glaube, man merkt schon, dass es ein relativ solides Werk ist“, erklärt er. „Wir haben damit eine Grundlage für die nächsten Jahre gelegt, dass wir die Mittelplanwerte der letzten Jahre sogar verbessert haben, obwohl wir dieses Jahr nochmal starke Nachzahlungen zu verzeichnen hatten. Das zeigt also, dass der strukturelle Wandel, den wir momentan einführen, auch tatsächlich schon Wirkung zeigt. Und das ist natürlich klasse.“

„Grundsätzlich ist Haushalt immer ein ganz ‚böses‘ Thema für einen Verwaltungschef“, so Nigge. „Man möchte etwas Gutes tun, möchte auf die Leute zugehen und möglichst alle Bereiche stärken. Aber ich glaube, die Menschen haben einfach verstanden, dass wir uns in den letzten Jahren in eine Lage gewirtschaftet haben, die uns keine Spielräume gibt. Ich glaube, wir sollten immer, bevor ein Sparkommissar zu uns kommt und uns sagt was wir zu tun haben, versuchen bestmöglich unsere Spielräume selber noch auszunutzen, um den Karren wieder aus dem Dreck zu ziehen, in dem wir uns tatsächlich befinden. Ich habe das Gefühl die Menschen verstehen das. Grundsätzlich erfahre ich da ein positives Echo, und das ist toll zu sehen.“

Nach Ansicht von Nigge habe man, wenn keine großen Einschnitte von irgendwoher kommen, mit dem Haushalt eine sehr gute Grundlage. Wenn man weiter die Strukturen verbessere, effektiver ausrichte und die Synergien mit dem Landkreis weiter hebe, dann sehe er eine gute Chance aus der Situation wieder herauszukommen und vor allem wieder Freiräume zu haben, um zu investieren. „Und das brauchen wir dringend“, betont er. „Wir sind so schlecht bei Investitionen, wenn man sich die letzten Jahre ansieht. Wir haben überhaupt kein Geld mehr in die Infrastruktur gesteckt.“ Er finde es beschämend, wie die Schulen und Kindergärten aussehen. In der ganzen Stadt gebe es nur noch wenige freie Kita-Plätze, aber noch mehrere hundert Anspruchsberechtigte. „Wir sprechen immer davon, dass wir präventive Jugendhilfe machen und qualitativ hochwertig sind“,erklärt Nigge.„Ich finde aber, dass in den Kitas die Integration und die Jugendhilfe anfängt. Und da haben wir nicht genug Plätze. Da müssen wir zwingend etwas tun. Auch bei den Schulgebäuden müssen wir dringend etwas machen. Das sind für mich viel wichtigere Investitionen als viele andere. Und dafür müssen wir uns die Freiräume in den nächsten Jahren schaffen.“

Wichtig seien aber auch die Betreuungszeiten in Kitas, meint er. Daran müsse gearbeitet und Geld hineingesteckt werden, um wirklich den Menschen die Rahmenbedingungen zu bieten, die sie brauchen. Gleiches gelte auch in den Grundschulen. Aus seiner Sicht sei die Verteilung der Mittel falsch. Es müsse ein viel größerer Schwerpunkt auf die Familien gelegt werden, hebt Nigge hervor. Er kündigt an, dass eine Online-Verteilung der Kita-Plätze aufgestellt werde, was die Rahmenbedingungen für Menschen erleichtern werde. Das gleiche gelte für die Online-Terminvergabe im Bürgerservice.

Und das soll dann auch bei der Sporthallen-Vergabe gemacht werden. „Wir haben zwar genug Hallenstunden, aber wenn wir die Online-Vergabe haben, dann ist das auch tatsächlich für jeden transparent. Da investieren wir Geld, um es den Menschen leichter zu machen.“

Beim Thema „Sport“ sei es ihm wichtig zu betonen, dass er kein Sparkommissar sei. Bisher sei beim Sport überhaupt keine Entscheidung getroffen worden. Es seien mit jedem Fußball spielenden Verein Einzelgespräche geführt worden, um zu sehen, wie die Rahmenbedingungen eines jeden Vereins seien und was diese der Verwaltung sagen können, wo man eine Basis für Sportförderrichtlinien legen könne. Bisher werde in Celle komplett unterschiedlich gefördert. Es gebe Vereine, die bekämen sehr viel bezahlt, während andere alles selber zahlen. Da sei es seiner Meinung nach an der Zeit mal eine Grundlage zu legen, sodass jeder genau weiß, was er bekomme, wenn er eine bestimmte Anspruchsvoraussetzung habe. Daran werde gerade von der Verwaltung gearbeitet. Ein wichtiges Thema sei auch die Drei-Feld-Burghalle. Nigge macht deutlich, dass er nicht das vierte Feld abgesagt habe. Vielmehr habe der Landkreis der Stadtverwaltung gesagt, dass gar keine Vier-Feld-Halle auf das Gelände passe. Deswegen habe man gesagt, dass man für über zwei Millionen Euro keine um mehrere Meter verlängerte Halle brauche. Denn der einzige Effekt wäre gewesen, dass man ein paar Tribünenplätze mehr gehabt hätte. „Das war es aus meiner Sicht nicht wert“, erklärt er.

„Es ist sehr schwierig hier in Celle eine Wohnung, geschweige denn ein Baugrundstück zu finden“, spricht Nigge ein weiteres für ihn wichtiges Thema an. „Wir haben es in den letzten Jahren absolut verpasst eine Bodenbevorratung zu betreiben. Das heißt, wir haben überhaupt keine Grundstücke. Jetzt haben wir sehr teuer Grundstücke eingekauft, weil ich glaube, dass wir mehr Menschen in der Stadt brauchen, wenn wir wachsen wollen. Und wenn wir das dann noch stadtnah haben, sind das diejenigen, die die Innenstadt beleben.“

Es sei geplant 2018 in Groß Hehlen ein großes Baugebiet auszuweisen. Zudem sei man dran, um noch ein oder zwei weitere Baugebiete auszuweisen, weil man da in den vergangenen Jahren einen Boom verpasst habe. Viele Familien seien in die Gemeinden im Umkreis abgewandert. Man wolle den Menschen aber in Celle ein attraktives Wohnumfeld bieten.

Neben der Ausweisung von Bauland werde man außerdem die Rahmenbedingungen mit betrachten, was so auch noch nicht richtig passiert sei. „Wir werden, wenn das notwendig ist, eine Kita mit bauen. Wir werden eine Schule erweitern, wenn das notwendig ist. Und wir werden durch den Investor Sportflächen oder Spielplätze mit dazu bauen lassen, oder selber bauen“, erläutert Nigge. „Es soll immer ein geschlossenes Gebiet sein. Ich glaube, so müssen wir denken, damit wir wirklich familienfreundlich sind.“

Der Oberbürgermeister weist außerdem darauf hin, dass die städtische WBG in diesem Jahr erstmalig seit langem wieder Wohnungen gebaut habe. „Die WBG nehmen wir jetzt noch viel stärker in die Pflicht. Sie ist ja unser Instrument, um Wohnungsbau für Familien, die nicht so die hohen Mieten zahlen können, zu generieren vielleicht auch Sozialwohnungsbau.“ Das Grundstück an der 77er Straße/Wehlstraße sei komplett für Wohnungsbau freigegeben. Er hofft, dass dort Menschen hinziehen, die tatsächlich abends mal in die Stadt gehen, um dort einzukaufen oder Essen zu gehen. Genau das werde gebraucht, um die Innenstadt zu beleben.

Celle habe nach Ansicht von Nigge kulturell viel zu bieten. Als Beispiele nennt er das Schlosstheater, die CD-Kaserne und die Museen. „Das ist wirklich toll und wir wollen das in seiner Vielfältigkeit erhalten“, betont Nigge. Er weist darauf hin, dass die Hallensanierung in der CD-Kaserne abgeschlossen sei. Damit werde der Kultur- und der Familienstandort gestärkt. Für das Bauhaus-Jubiläum in 2019 sei in diesem Jahr bereits eine Projektgruppe gebildet worden. Ab Mitte nächsten Jahres werde das Jubiläum dann beworben.

„Beim Thema ‚Wirtschaft‘ leidet Celle an der mangelnden Diversifizierung. Da arbeiten wir natürlich dran, was aber sehr schwer ist. Wir haben die Wirtschaftsförderung vom Personenansatz her verdreifacht. Das ist auch notwendig. In einer Stadt von der Größe Celles sind es normalerweise sieben Leute“,so Nigge.

„Für mich ist die Innenstadt ganz wichtig“, hebt Nigge hervor. „Ich glaube, eine Stadt lebt und stirbt mit der Innenstadt. Und wenn die Innenstadt stirbt, dann stirbt die ganze Stadt.“ Wenn man Familien herholen will, dann würden die zuerst schauen, was in der Innenstadt los sei. Gleiches gelte für Unternehmen, und die auf ihre Mitarbeiter angewiesen seien. Von daher sei die Innenstadt ganz wichtig. „Auch da sind wir mit der Wirtschaftsförderung dran“, so Nigge. „Ich glaube, man merkt schon, dass wir den Leerstand ein bisschen beseitigen konnten. Aber das ist noch längst keine Trendwende. Wir müssen natürlich auch die Nachfrage erhöhen auch durch unsere Maßnahmen.“ Es seien interessante inhabergeführte Geschäfte dazu gekommen. In diesem Zusammenhang weist Nigge darauf hin, dass Celle eine der wenigen Städte sei, die noch einen intakten inhabergeführten Einzelhandel haben. In Celle gebe es noch rund 80 Gastronomiebetriebe und Einzelhandelsgeschäfte, die inhabergeführt seien. Doch dies sei leider kaum bekannt.

„Wir müssen ein ganzes Maßnahmenbündel ergreifen“, so Nigge abschließend. Dazu gehöre Wohnen an und in der Innenstadt. Auch das Marketing sei wichtig. So müsse man verkaufsoffene Sonntage bewerben und sie nicht dann machen, wenn Hannover oder Wolfsburg auch einen verkaufsoffenen Sonntag veranstalten. Und natürlich müsse die Aufenthaltsqualität in der Stadt maßgeblich erhöht werden.